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Gästebuch

Der Kreis Stormarn ab 1867

1867 annektierte Preußen Schleswig-Holstein und führte die Gewerbefreiheit und die preußische Kommunalverfassung ein. Der preußische Landkreis Stormarn in der Provinz Schleswig-Holstein entstand als Verwaltungsgebiet mit einer Fläche von 927 km² und als moderne kommunale Gebietskörperschaft für 67.281 Einwohner. Wilhelm von Levetzau, der letzte Amtmann der Ämter Reinbek, Trittau und Tremsbüttel, wurde erster Landrat von Stormarn. Sein Dienstsitz Schloss Reinbek blieb zunächst Landratsamt. 1873 wurde die Kreisverwaltung nach Wandsbek verlegt und verblieb auch dort, als Wandsbek 1901 eigener Stadtkreis wurde. Eine Modernisierung der Infrastruktur setzte mit dem Ausbau von Straßen, Eisenbahn, Schulwesen und öffentlichen Versorgungsbetrieben ein. So schuf der Kreis Stormarn 1913 mit der Überlandleitung einen kreiseigenen Betrieb zur elektrischen Stromversorgung fast des gesamten ländlichen Raumes. Ebenfalls 1913 wurde die Kreissparkasse Stormarn gegründet.

Die Versorgungsnotlage des Ersten Weltkriegs weitete sich aus und bedingte neben Inflation, Bankenkrach und Wirtschaftskrise die großen sozialen Probleme: Arbeitslosigkeit, verstärkt durch aus Hamburg zugezogene Arbeitslose, nicht ausreichender Wohnraum sowie unzureichende kommunale Finanzen kennzeichneten die 1920er Jahre in Stormarn. Die allgemeine Wohlfahrtspflege wurde eine der wichtigsten Selbstverwaltungsaufgaben, z. B. Einrichtung von Notküchen 1924. Weitere Maßnahmen waren der Wohnungsbau sowie der Ausbau von Infrastruktur. 1928 baute der Kreis in Bad Oldesloe das Kreiskrankenhaus. Im selben Jahr gründeten sich die Verkehrsbetriebe des Kreises Stormarn, die den ländlichen Raum durch Autobuslinien erschlossen.

Die Verfassung der Weimarer Republik hatte erstmals demokratische Wahlen für Männer und Frauen zugelassen. In Stormarn kam es analog zum Deutschen Reich zum Aufbau demokratischer Strukturen und zur Gründung von Parteien. Mehrfach fanden politisch bedingte Putschversuche oder Aufstände statt, z. B. der rechtsgerichtete Kapp-Putsch (1920) und der kommunistische Hamburger Aufstand (1923). Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft setzte 1933 mit obrigkeitsstaatlichen Maßnahmen ein. Hatte das Unterelbegebietsgesetz (1927) für Stormarn nur geringe Gebietsabgaben gebracht, führte das Groß-Hamburg-Gesetz (1937) zum Verlust des industriell-gewerblichen Hamburg-Randgebiets. Stormarn trat die Landgemeinden Bergstedt, Billstedt, Bramfeld, Duvenstedt, Hummelsbüttel, Lemsahl-Mellingstedt, Lohbrügge, Poppenbüttel, Rahlstedt, Sasel, Steilshoop und Wellingsbüttel an Hamburg ab. Die Übernahme von Großhansdorf-Schmalenbeck konnte den großen Bevölkerungsverlust nicht ausgleichen. Die Kreiseinwohnerzahl fiel von ursprünglich 131.000 auf rd. 60.300 Einwohner. Zur Verkehrsverbesserung sowie im Hinblick auf Planungen zum Zweiten Weltkrieg wurde die Autobahn Hamburg-Lübeck 1937 fertiggestellt. Mit der H. Walter KG in Ahrensburg und der Kurbelwellenwerk GmbH des Krupp-Konzerns (Essen) in Glinde produzierten zwei namhafte Betriebe für die Rüstung. Sie konnten ebenso wie Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe und Kommunen nur mit Hilfe von über 8.000 Zwangsarbeitenden die Produktion aufrechterhalten. In Folge des Bombenkriegs wurde 1943 nach der Ausbombung des Stormarnhauses die Kreisverwaltung in das Kreisgebiet verlegt und 1944 in Bad Oldesloe zusammengefasst, das 1949 endgültig Kreisstadt wurde. Durch die Aufnahme von Bombenflüchtlingen aus Hamburg ab 1943 und Flüchtlingen und Vertriebenen verdoppelte sich die Einwohnerzahl des Kreises Stormarn bis 1945.

In den Nachkriegsjahrzehnten veränderte Stormarn rasant seine soziale Struktur. Begünstigt durch die Nähe zur Industrie- und Handelsmetropole Hamburg entwickelte sich Stormarn seit den 1970er Jahren zu einem der bedeutendsten gewerblich-industriellen Räume Schleswig-Holsteins. Die Gemeinden in Hamburger Randlage verzeichneten enorme Steigerungen der Einwohnerzahlen. Die Verstädterung schlug sich in den Stadtrechtsverleihungen nieder: Ahrensburg 1949, Reinbek 1952, Bargteheide 1970 und Glinde 1979. Zwar verlor Stormarn 1970 die wirtschaftsstarken Gemeinden Harksheide und Glashütte an den Kreis Segeberg durch das Norderstedt-Gesetz. Der Siedlungsdruck, der Prozess der gewerblich-industriellen Suburbanisierung sowie die Steigerung der Bevölkerungszahlen ging dennoch stetig weiter. Stormarn zählte 1972 163.000 Einwohner, 1982 192.000 und 2002 221.000. Eher ländlich-agrarisch geprägt blieben Teile des nordstormarnschen Raumes um Bad Oldesloe und den ehemaligen Luftkurort Reinfeld. Heute gehört Stormarn in der übergreifenden Landesplanung zur Metropolregion Hamburg.

Aus: Spallek, Johannes: Stormarn, Geschichte. In: Stormarn-Lexikon. hrsg. von B. Günther. Wachholtz: Neumünster 2003. S. 350-351.