Geschichte bis zur Gründung des Kreises 1867
Mit Eroberung der nordelbischen Gebiete durch Kaiser Karl den
Großen wird das Gebiet des heutigen Landkreises Stormarn Teil der
deutschen Reichsgeschichte. Stormarn bildete nördlich der Elbe den
östlichen sächsischen Grenzgau und wurde Teil der konfliktreichen
Entwicklungen zu den östlich des Limes Saxioniae wohnenden Wenden. Der
Name "Stormarn" leitet sich vom Stammesnamen "Sturmarii" ab. Stormarn war
zusammen mit Holstein und Dithmarschen einer der drei sächsischen Gaue
nördlich der Elbe. Das Gau erstreckte sich östlich etwa von der
Krückau und dem Kisdorfer Wohld bis östlich zum Asbrook-Sachsenwald.
Den Mittelpunkt bildete Hamburg.
Nach sächsischer Verfassung stand dem Gau ein Overbode vor;
die ihm unterstellten Boden verwalteten die sog. Gauviertel. Zusammen mit
Holstein wurde das Stormarner Kerngebiet Bestandteil der Grafschaft
Holstein-Stormarn, die 1111 den Schauenburgern als Lehen übertragen wurde.
Seit 1189 führte Adolf III. von Schauenburg "Stormarn" auch als
Herrschaftstitel. Unter den Schauenburgern dürfte sich die
Kirchspieleinteilung herausgebildet haben, u. a. mit den Kirchspielen
Rellingen, Eppendorf, Nienstetten, (Kirch-)Steinbek, und im Zuge der
späteren Osterweiterung mit den Kirchspielen Bergstedt, Siek sowie
Trittau, Lütjensee und Bargteheide. Je erfolgreicher der
Selbständigkeitsprozess der Stadt Hamburg verlief, umso mehr verlor
Stormarn seinen Hauptort. Nach der erneuten Herrschaftssicherung der
Schauenburger in der Schlacht von Bornhöved 1227 bauten die Schauenburger
ihre Herrschaft und Verwaltung in Stormarn weiter aus.
Im 13. Jh. blühten das um 1187 gegründete Kloster
Reinfeld und das um 1227 gegründete Kloster Reinbek auf. Die
Landesteilungen unter den Nachkommen Graf Adolf IV. in verschiedene Linien des
Grafenhauses führten de facto zur Auflösung der Grafschaft in
einzelne Teilbereiche und schließlich zur Teilung in den Anteil
Holstein-Pinneberg, der westlich und nördlich von Hamburg lag, und in den
östlichen Anteil der Plöner Linie, was 1306 zur Grenzziehung entlang
der Alster und am 15.04.1322 zum Friedensschluss von Oldesloe führte. Der
Tausch der Burg und Vogtei Arnesvelde gegen Reinfelder Landbesitz in Trittau
durch den Landesherrn Graf Johann III, dem Milden, führte zur
Gründung der Vogtei Trittau. Die ehemaligen Verwaltungszentren Arnesvelde,
Spökelburg (bei Steinbek) und Oldenburg (bei Boberg) verloren ihre
Bedeutung. Auch die Burgen des Landadels in Wohltorf und Stegen sowie in Linau
und Steinhorst im Lauenburgischen versuchte der Landesherr mit Hilfe der
Hansestädte Hamburg und Lübeck in ihrem Machtpotential zu mindern
bzw. zu zerstören. In die Fehde der Hamburger Bürgerschaft mit dem
Hamburger Domkapitel wurden 14 Stormarner Dörfer hineingezogen; es kam zu
Verheerungen und Verwüstungen.
Um 1349/50 wütete wie in ganz Nordeuropa auch in Stormarn
die Pest. Die Städtepolitik der Schauenburger mit den Hansestädten
Hamburg und Lübeck führte zu deren praktischen Selbständigkeit.
Die Förderung von kleineren Landstädten brachte nur bedingt Erfolge.
So gewährten die Schauenburger der Stadt (Bad) Oldesloe, die eine wichtige
Zollstelle an der Transitstrecke zwischen Hamburg und Lübeck beherbergte,
im 14. Jh. die Münzhoheit. Trotz des Umschlagplatzes an der Trave blieb
Oldesloe im Mittelalter eine kleine Ackerbürgerstadt.
Nach dem Aussterben der Schauenburger Grafenfamilie bekam
Stormarn mit dem Ripener Vertrag 1460 König Christian I. von Dänemark
als neuen Landesherrn. Obwohl mit der Neubildung des Herzogtums Holstein die
Grafschaft Stormarn aufgelöst wurde, führte die Königsfamilie
der Oldenburger den Grafentitel für "Stormarn" kontinuierlich weiter und
betonte diesen Herrschaftsanspruch zusätzlich durch die Neuschaffung eines
eigenständigen Siegelemblems und Wappens. Erst Königin Margarethe von
Dänemark gab 1972 offiziell den Herrschaftsanspruch über die
Grafschaft Stormarn auf.
Die Reformation setzte im Kloster Reinbek früh ein, das
sich 1528/29 auflöste. Besitzungen und Rechte übernahm der Landesherr
König Friedrich. 1543 besetzten Lübecker Streitkräfte die Vogtei
und Burg Trittau (Krim) und zerstörten die Gebäude des aufgelassenen
Klosters Reinbek. Bei der Landesteilung 1544 erhielt Herzog Adolf I. von
Gottorf u. a. die stormarnschen Ämter Reinbek, Trittau und
Tremsbüttel. Das Kloster Reinfeld wurde erst 1582 aufgelöst. Seine
Besitzungen fielen an die Plöner Linie der Gottorfer. Wie Herzog Adolf
zusätzlich zur schon bestehenden Burg Trittau in Reinbek sein Schloss als
Herrschaftsrepräsentanz errichtete (1572-1578), so bauten auch die
Plöner Schloss Reinfeld (1599-1604). Die Reformation brachte mit den neuen
kirchlichen Verhältnissen auch eine neue Sozialstruktur einer adlig
ständisch geprägten Gesellschaft.
Adlige Güter entstanden mit ihrer nahezu autonomen
Rechtsstruktur, z. B. durch Peter Rantzau in Wandsbek und Heinrich Rantzau in
Nütschau (1577 Bau des Herrenhauses) oder in Ahrensburg, wo die ehemalige
Klostervogtei Woldenhorn an Daniel und später Peter Rantzau fiel und 1595
das repräsentative Renaissanceschloss errichtet wurde. Später
bildeten sich u. a. die Güter Blumendorf, Fresenburg, Jersbek, Tralau. Im
Gut Ahrensburg kam es zu Bauernrevolten zur Zeit der Leibeigenschaft aufgrund
unsozialer Verhältnisse (1718-1742).
Stormarn wurde wiederholt in die europäischen
machtpolitischen Konflikte hineingezogen. Die Bevölkerung litt unter den
kriegerischen Auseinandersetzungen in Folge der verschiedenen europäischen
Allianzen, u. a. zwischen Dänemark und dem deutschen Reich gegenüber
Schweden und Frankreich als Hauptpartner. Im Dreißigjährigen Krieg
schlugen Wallensteins Truppen 1627 während der Erpressungsverhandlungen
mit Hamburg ihr Hauptquartier im Schloss Trittau auf. Die kaiserlichen Truppen
plünderten Stormarn. Im Karl-Gustavschen- und im Polacken-Krieg, dem
Zweiten Schwedisch-polnischen Erbfolgekrieg 1657/1658, war Stormarn enorm hohen
Kontributationsforderungen der Schweden ausgesetzt. Aufgrund seiner
militärstrategischen Lage als Einfallstor nach Schleswig-Holstein und
Jütland oder als Sammelplatz von Armeen für Feldzüge in den
europäischen Festlandkontinent kam es im Nordischen Krieg zu verheerenden
Folgen für die Bevölkerung. Im Friedensvertrag von 1720 verloren die
Gottorfer Herzöge ihren Anteil an der gemeinsamen Regierung des Herzogtums
Schleswig. Der 20-jährige Herzog Karl-Friedrich setzte auf das erstarkte
Russische Reich und ging für längere Zeit nach Russland. 1739 starb
er in Rohlfshagen. Mit seinem Sohn, der 1742 Zar Peter III. wurde, begann
für Stormarn die großfürstliche Zeit, die bis 1773 dauerte, als
Katharina die Große von Russland auf alle Gottorfer Anrechte in Holstein
und in Stormarn zugunsten des Königs von Dänemark verzichtete.
Staatsrechtlich gehörte das Herzogtum Holstein und damit Stormarn weiter
zum deutschen Reich, jedoch unter gesamtstaatlicher dänischer Regierung.
In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. führte die große Agrarreform
zur Verkoppelung, die den Weg für ein Privateigentum der Bauern bahnte.
Die ländlichen Lebensverhältnisse verbesserten sich wesentlich.
Barocke Zeugnisse der Herrenhauskultur sind der große
Jersbeker Park (1726 - 1740) des Bendix v. Ahlefeldt und die umfassenden
Modernisierungen ab 1765 in Ahrensburg durch Heinrich Carl Schimmelmann.
Wandsbek mit Matthias Claudius und Tremsbüttel mit Christian Graf zu
Stolberg-Stolberg bildeten im letzten Viertel des 18. Jhs. Zentren
literarisch-gelehrter Gesellschaften. In Trittau wirkte Joachim Heinrich Campe
1783 - 1786.
Die Napoleonischen Kriege überzogen Stormarn erneut mit
großen Verheerungen, als im Winter 1812/13 Hamburg als französische
Festung von den Truppen der großen Allianz belagert werden. Infolge der
Kontinentalsperre kam der internationale Handel zum erliegen und die etwa 30
Kupfermühlen in Stormarn stellten ihren Betrieb ein. Nur wenige
überdauerten mit geänderter Funktion wie die Papiermühle in
Grönwohld und die Farbholz-Mühle in Glinde. Die großen
Forderungen der Französischen Revolution nach gesellschaftlicher
Verbesserung und dem Ruf nach einer aufgeklärten bürgerlichen
Gesellschaft gingen am dänischen Gesamtstaat nicht spurlos vorbei. Nachdem
bereits in einigen Ämtern und Gütern in Stormarn die Leibeigenschaft
aufgehoben worden war, erfolgte ihre gesetzliche Aufhebung in Holstein 1805.
1813 wurde die Allgemeine Schulordnung eingeführt, die das Einrichten von
Gelehrten-, Bürger- und Landschulen vorsah.
Mit dem "Oldesloer Privilegierten Wochenblatt" erschien 1839
eine Zeitung, die bis heute als "Stormarner Tageblatt" über Politik und
Regionales berichtet. Das Pionierprojekt einer ersten Eisenbahn zwischen
Hamburg und Lübeck in den 1830er Jahren verhinderte die dänische
Verwaltung. Statt dessen kam es 1840 zum Chausseebau der Strecke
Lübeck-Oldesloe-Elmenhorst-Altona und 1843 zum Abzweig von Elmenhorst
über Ahrensburg, Wandsbek nach Hamburg. An der Eisenbahnstrecke
Hamburg-Berlin gelegen, erhielt Reinbek 1846 als erster Stormarner Ort einen
Bahnanschluss. Die direkte Verbindung zur Großstadt Hamburg legte die
Grundlage für die Entwicklung zum bevorzugten Villenvorort. Erst 1865
wurde die Eisenbahnverbindung Hamburg-Lübeck eröffnet. Weitere Linien
folgten, u. a. 1907 die Südstormarnsche Kreisbahn von Trittau nach
Hamburg, was die Verkehrsanbindungen erheblich verbesserte. Die
Industrialisierung begann in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. in
unmittelbarer Nachbarschaft zu Hamburg: Wandsbek, Sande und Schiffbek.
Aus: Spallek, Johannes: Stormarn, Geschichte. In:
Stormarn-Lexikon. hrsg. von B. Günther. Wachholtz: Neumünster 2003.
S. 346-350.